Miles Davis – Kind Of Blue (Vergleich: MoFi 45 vs. WaxTime)

MoFi hat Kind Of Blue von Miles Davis auf zwei LPs mit 45RPM gesplittet. Wir haben mit einer günstigen Variante von WaxTime verglichen und unser blaues Wunder erlebt.  

Miles Davis Kind Of Blue WaxTime
Miles Davis Kind Of Blue MoFi

Ein paar Gedanken zu Miles Davis – Kind Of Blue

Kind Of Blue von Miles Davis ist nicht nur als das kommerziell erfolgreichste Jazz-Album aller Zeiten. Es gilt auch als eines der besten.

Was Miles Davis‘ legendäre Sextett-Besetzung – mit den Saxophonisten Cannonball Adderley (Alt) und John Coltrane (Tenor), dem Pianisten Bill Evans (auf einem Stück ersetzt durch Wynton Kelly), Paul Chambers am Bass und Jimmy Cobb am Schlagzeug – in zwei Tagen geschaffen haben, ist Musik für die Ewigkeit.

Bandleader Davis erklärte den Musikern erst kurz vor der Aufnahme, wie die Stücke zu spielen seien. Er wollte die maximale Spontaneität einfangen. Der Legende nach sind alle Tracks auf Kind Of Blue „First Takes“, also Aufnahmen vom ersten Durchgang. Doch das ist wohl nicht ganz korrekt. Es existieren Aufnahmen von abgebrochenen Takes, in denen entweder die Technik nicht richtig funktionierte oder die Musiker daneben lagen.

Was schließlich an den beiden Sessions am 2. März und 22. April 1959 in New York aufgezeichnet wurde, hat bis heute nichts von seiner Magie eingebüßt.

Wie sind die Ausgaben von WaxTime und MoFi von Kind Of Blue ausgestattet?

Die MoFi wird in einem Boxset aus Karton geliefert. Die Platten wiegen gewogene 196 Gramm. Da es sich um LPs mit 45 Umdrehungen pro Minute handelt, wurden die Stücke auf zwei LPs verteilt. Beide stecken in den MoFi-typischen antistatischen Innenhüllen, von zwei Schaumstoff-Polstern geschützt. Ein achtseitiges Booklet rundet die limitierte MoFi-Edition ab.

WaxTime Records verwendet zwar 200g Vinyl aber leider nicht das originale Coverfoto. Das sorgt für Punktabzug. Wenigstens finden sich auf der Rückseite die originalen Liner Notes von Bill Evans, die bei MoFi im Booklet abgebildet sind.

Während die MoFi, wie alle Veröffentlichungen der Original Master Recordings, im Half Speed Mastering hergestellt wurde, verwendet die WaxTime das Direct Metal Mastering.

Was fällt sonst noch auf an den Ausgaben von WaxTime und MoFi?

Die MoFi spielt bei Freddy Freeloader und Flamenco Sketches jeweils ein paar Sekunden länger. Entweder wurde das Masterband bei diesen Titeln für die WaxTime minimal beschleunigt abgespielt, oder es wurden unterschiedliche Masters für die Pressungen eingesetzt.

Mit den Tempoproblemen der originalen Aufnahme kann diese Abweichung nichts zu tun haben. Denn nur bei der ersten Aufnahmesession am 2. März 1959 lief die Bandmaschine bei der Aufnahme etwas zu langsam, was die Musik bei der Wiedergabe beschleunigte und um etwa einen Viertelton höher transponierte.

Flamenco Sketches wurde jedoch am zweiten Aufnahmetag, dem 22. April 1959, und in perfekter Geschwindigkeit aufgenommen.

Die Variante mit den unterschiedlichen Masters erscheint mir plausibler, aber dazu später mehr.

Wie gut klingen die WaxTime- und die MoFi-Pressung von Miles Davis – Kind Of Blue?

Die Aufnahme von Tonmeister Fred Plaut setzte neue audiophile Standards für die Aufnahmequalität von Jazzplatten. Daher klingt auch die Waxtime zunächst wie eine tolle Aufnahme.

Bis man sie mit der MoFi vergleicht!

Bei So What beispielsweise fällt als erstes das Schlagzeug auf. Das Tomtom hat wesentlich mehr Körper, die Snaredrum hat einen erkennbaren Ton. Auch der Bass gewinnt im Wortsinn Tiefe. In den unteren Lagen lassen sich bei der WaxTime die einzelnen Töne kaum noch auseinanderhalten. Die tiefsten Töne machen gleichförmig „plopp“. Nicht so bei der MoFi, hier unterscheiden sich bis in den tiefsten Keller alle Töne klar voneinander. Wenn John Coltrane zum Solo ansetzt, wird auf der WaxTime ein wenig schrill. Die MoFi klingt hier eleganter, runder, wärmer.

So ist auch der Gesamteindruck. Alles klingt eine Spur wärmer, weniger hart. Auf Freddy Freeloader integriert sich das Piano in die Band, bei der Waxtime steht es etwas verloren im Vordergrund.

Miles Davis‘ Trompete auf Flamenco Sketches ist ein Erlebnis. Auch auf der WaxTime. Doch die MoFi zeigt mehr Details.

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Wie unterscheiden sich Pegel und Frequenzgang der WaxTime – und der MoFi-Pressung von Kind Of Blue?

Wellenform-Diagramm: So What
Wellenform-Diagramm: So What

Die Unterschiede im Wellenform-Diagramm erscheinen zunächst gar nicht so groß. Offensichtlich ist die MoFi etwas lauter. Doch sie nutzt den größeren Dynamikumfang aus, den eine Pressung mit 45 RPM bietet. Deutlich zu sehen beispielsweise beim Saxophon-Solo von John Coltrane (Pfeil). Die Waxtime stößt schon bei niedrigerem Pegel an die Grenze des Limiters und erzeugt mit den Pegelspitzen eine annähernd gerade Linie. Bei der MoFi ist hier noch Luft für Lautstärkeunterschiede, obwohl der Gesamtpegel an dieser Stelle schon lauter ist.

Frequenz-Spektrogramm: So What.
Frequenz-Spektrogramm: So What.

Das Frequenz-Spektrogramm bildet das ab, was im Hörtest schon offenkundig wurde. Die MoFi hat im Bass mehr zu bieten. Zu sehen an den orangefarbenen Flächen unterhalb der gestrichelten Linie. Dies ist auch dem höheren Pegel geschulde. Doch wenn es nur der hohe Pegel wäre, dann müssten alle anderen Frequenzen hier ebenfalls in intensiveren Gelb- oder Orangetönen abgebildet werden. Interessanterweise sind die Färbungen oberhalb der gestrichelten Linie bei beiden Diagrammen ungefähr gleich. Ich interpretiere das Bild deshalb so, dass sich hier das insgesamt wärmere Klangbild der MoFi zeigt.

WaxTime oder MoFi – welche Pressung von Miles Davis – Kind Of Blue ist besser?

In diesem Fall ist dies nicht schwer zu beantworten: Die MoFi gewinnt auf der ganzen Linie! Sie klingt durchweg runder und wärmer. Sie bildet mehr Details ab und hat doch den in sich geschlosseneren Gesamtsound.

MoFi betont bei den Original Master Recordings stets, dass stets nur die originalen Masterbänder zum Einsatz kommen dürfen. In diesem Fall erkläre ich die Unterschiede zwischen der WaxTime und der MoFi genau damit. Die MoFi klingt wie das Mastertape, die Waxtime wie eine Kopie der dritten oder vierten Generation. Da es sich um herausragendes Ausgangsmaterial handelt, klingt auch die Kopie ziemlich gut. Aber im direkten Vergleich wirkt die MoFi wie ein blaues Wunder.

Titelliste

Side 1

  • So What
  • Freddie Freeloader
  • Blue In Green

Side 2

  • All Blues
  • Flamenco Sketches
Miles Davis Kind Of Blue WaxTime
Kind Of Blue von WaxTime zeigt leider nicht …
Miles Davis Kind Of Blue Cover Rück
… das originale Cover.
Miles Davis Kind Of Blue Seite 1
Miles Davis Kind Of Blue Seite 2
Back to Vinyl Katalog
Miles Davis Kind Of Blue MoFi Insert 1
Das achtseitige Booklet der MoFi …
Miles Davis Kind Of Blue MoFi Insert 2
… zeigt Bilder von den Aufnahmesessions, …
Miles Davis Kind Of Blue MoFi Insert 4
… in den Columbia Studios in New York, …
Miles Davis Kind Of Blue MoFi Insert 6
Miles Davis Kind Of Blue MoFi Insert 7
Miles Davis Kind Of Blue MoFi Front
MoFi fügt nur den typischen OMR-Streifen dem Cover hinzu.
Miles Davis Kind Of Blue MoFi Back
Auf der Rückseite der MoFi steht die laufende Nummer.
Miles Davis Kind Of Blue MoFi S1
Miles Davis Kind Of Blue MoFi S2
Miles Davis Kind Of Blue MoFi S3
Miles Davis Kind Of Blue MoFi S4
Miles Davis Kind Of Blue MoFi Insert 3
… die am 2. März und 22. April 1959 …
Miles Davis Kind Of Blue MoFi Insert 5
… 30. Straße, stattfanden.
Miles Davis Kind Of Blue MoFi Insert 7
InterpretMiles Davis
TitelKind Of Blue
LabelMobile Fidelity Sound LabWaxTime Records
Veröffentlicht20152015
KatalognummerMFSL 2-45011772012
Format2×12“12“
Umdrehungen/Minute4533 1/3
TypBoxsetAlbum
CoverBoxsetSingle Sleeve
Beigaben8seitiges Insert
Laquer cut byKrieg Wunderlichk.A
PresswerkRTIk.A.
Matrix-RunoutMFSL 2-45011 A1 22815.1(3)… KW @ MoFi MFSL 2-45011 B1 22815.2(3)… KW @ MoFi MFSL 2-45011 C1 22815.3(3)… KW @ MoFi MFSL 2-45011 D1 22815.4(3)… KW @ MoFi772012 126428E1/A 772012 126428E2/A
Auflage/Limitierung
Fortlaufende Nummer6946
HerstellungslandUSAEuropa

8 Kommentare

  1. Schön und gut, aber die Rezension klingt irgendwie so, als sei auch die Waxtime-Ausgabe eine offizielle Pressung. Sätze wie „Entweder wurde das Masterband bei diesen Titeln für die WaxTime minimal beschleunigt abgespielt, oder es wurden unterschiedliche Masters für die Pressungen eingesetzt“ gehen völlig an der Realität vorbei. Waxtime presst Vinylplatten von Aufnahmen, die in Europa nicht mehr dem Copyright unterliegen. Als „Master“ dient bestenfalls die gerade erhältliche CD des Titels. Wer sollte auch freiwillig ein Masterband des Titels zur Verfügung stellen? In den U.S.A. ist der Vertrieb der Waxtime-Scheiben mit Sicherheit verboten, denn es wäre dort eine Raubkopie. Das Copyright liegt bei Columbia (Sony), und Mobile Fidelity hat (natürlich) die Lizenz zur Veröffentlichung Aufnahmen für teures Geld offiziell von Sony erworben. Dafür bekommen sie dann auch die Originalbänder. Waxtime, DOL und wie die Labels alle heißen, sind einfach nur Trittbrettfahrer, die aufgrund der anderen rechtlichen Situation in Europa am Vinyl-Boom quasi kostenlos mitverdienen.

    1. Danke für den Kommentar. Die Pressungen von Waxtime oder DOI sind nun mal offiziell im Handel erhältlich. Als Käufer frage ich mich schon, ob es sinnvoll ist, für einen Titel 10 Euro oder 40 Euro auszugeben. Und der Frage gehe ich bei meinem Artikel nach. Da ich von Urheber- und Leistungsschutzrecht zugegebenermaßen nicht viel verstehe, halte ich mich da raus. Kann gut sein, dass du Recht hast.
      Im Vergleich erkenne ich aber, ob eine Aufnahme schneller läuft oder nicht. Insofern bleibe ich bei den Fakten, die ich mit meinem Mitteln feststellen kann und beschriebe sie.

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