Who’s Next – The Who (Music on Vinyl vs. 1976)

Who’s Next gilt als das beste Album von The Who. Bei der aktuellen LP-Neuauflage haben wir aber einige erstaunliche Unterschiede zum Original entdeckt.

Wie entstand Who’s Next von The Who?

Who’s Next ist das fünfte Studioalbum von The Who und erschien im August 1971. Es ist der Nachfolger für die Rock-Oper Tommy und entstand aus einem niemals vollendeten Konzeptalbum- und Filmprojekt der Band namens Lifehouse. Auf Who’s Next sind bis auf eine Ausnahme (My Wife) ausschließlich Songs zu hören, die für Lifehouse konzipiert waren – eben ohne die verbindenden Elemente.

Die Aufnahmen begannen Anfang 1971 in der Villa Stargroves, die Rolling Stones-Boss Mick Jagger gehörte. Allerdings wurde dort nur der Basic Track zu Won’t Get Fooled Again vollendet. Anschließend zog die Band samt Produzent Glyn Johns weiter in die Olympic Sound Studios in Barnes, wo die restlichen Aufnahmen stattfanden.

The Who - Who's Next 1976
The Who – Who’s Next, Polydor 1976
The Who - Who's Next MoV
The Who – Who’s Next, Music on Vinyl 2012

Welche Versionen von Who’s Next vergleichen wir?

Pressung 1: Fünf Jahre nach der Erstpressung, also 1976, kam eine deutsche Wiederveröffentlichung in den Handel, die bei PRS Hannover gepresst wurde. Die Ausstattung ist recht mager. Eine 136g schwere Platte steckt in einer Standard-Innenhülle, die wiederum von einem einfachen Single-Sleeve geschützt wird.

Pressung 2: Die aktuelle Wiederveröffentlichung vom niederländischen Label Music on Vinyl aus dem Jahr 2012 hat in punkto Ausstattung nicht viel mehr zu bieten. Immerhin ist der Karton des Covers etwas dicker und auch die LP wiegt stolze 190g.

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Wie unterscheiden sich die Pegel und Dynamik der beiden Pressungen?

Wellenform-Diagramm für The Who – Baba O‘Reilly
Wellenform-Diagramm für The Who – Baba O‘Reilly

Gleich der erste Song des Albums, Baba O’Reilly beginnt mit einer handfesten Überraschung: Der Song spielt in der Version von Music On Vinyl (MoV) deutlich schneller und entsprechend fast einen Viertelton höher. Schneller abgespielte Masterbänder sind uns schon häufiger begegnet, bei den Beatles beispielsweise oder den Rolling Stones. Doch dort sind es in der Regel die älteren Fassungen, bei denen der Mastering-Ingenieur das Masterband etwas schneller ablaufen ließ, um der Aufnahme den letzten Kick zu verleihen. Hier ist es die 36 Jahre später remasterte Version, die viel schneller läuft. So viel künstlerische Freiheit nehmen sich die Tonleute beim Remastering meist nicht heraus. Warum auch? Der Song war ja längst ein Hit!

Die nächste Überraschung lauert am Ende des Stücks: Trotz des unterschiedlichen Tempos sind beide Fassungen praktisch gleich lang. Des Rätsels Lösung: Das Synthesizer-Intro bis zum ersten Einsatz des Pianos ist bei der MoV um vier Takte länger! Im Wellenform-Diagramm zeigt sich dies im Vergleich der roten Linien. Nach dem Einsatz des Pianos sind es dann in beiden Fassungen nur 8 Takte, bis Keith Moon am Schlagzeug loslegt (schwarze Linie). Danach unterscheiden sich die beiden Pressungen hauptsächlich durch das Tempo. Die MoV holt das längere Intro bis zum Ende des Songs auf.

Ein weiterer Unterschied zeigt sich im ersten Mittelteil („Don’t cry …“), markiert mit den schwarzen Pfeilen: Die MoV ist hier weniger stark komprimiert als die ältere Fassung aus dem Jahr 1976.

Wellenform-Diagramm für The Who – Bargain
Wellenform-Diagramm für The Who – Bargain

Das Diagramm für Bargain fördert weniger Erstaunliches zutage. Erneut läuft das Master der Music on Vinyl viel schneller. Und aus audiophiler Sicht erfreulich: Erneut wurde das Signal bei der MoV weniger komprimiert (schwarze und grüne Pfeile). Das Arrangement blieb in diesem Fall aber unangetastet.

Wellenform-Diagramm für The Who – Getting In Tune
Wellenform-Diagramm für The Who – Getting In Tune

Ein ähnliches Bild mit umgekehrten Vorzeichen zeigt das Diagramm für Getting In Tune. Auch auf der Seite 2 läuft die MoV viel schneller als das Original. Doch hier wurde die MoV stärker per Kompressor/Limiter bearbeitet. Dies zeigt sich daran, dass in der Kurve für die MoV mehr Pegelspitzen abgeschnitten wurden und vor allem die gedachte Linie entlang dieser Transienten viel gerade und gleichmäßiger verläuft. Dies ist in der Regel das Resultat der Arbeit von modernen, digitalen Kompressoren, die schneller reagieren und somit die Pegel gleichmäßiger abschneiden. Solche Unterschiede sind einigermaßen typisch für CD-Remasters. Die Transienten der 1976er Pressung schlagen dagegen unterschiedlich lang aus und stammen ganz sicher von analogen Kompressoren. Digitale Geräte waren 1976 noch nicht erfunden.

Wie unterscheidet sich die Loudness der Music on Vinyl- und der 1976er-Pressung?

Loudness-Mesung für The Who – Who’s Next, Polydor 1976, Seite 1
Loudness-Mesung für The Who – Who’s Next, Polydor 1976, Seite 1
Loudness-Mesung für The Who – Who’s Next, Music on Vinyl 2012, Seite 1
Loudness-Mesung für The Who – Who’s Next, Music on Vinyl 2012, Seite 1

Die Loudness-Messung für die Seite 1 von Who’s Next bestätigt, dass die Version von Music on Vinyl wesentlich schneller läuft. Insgesamt 23 Sekunden sind es auf der Seite 1, die die MoV früher im Ziel ist. In Sachen Loudness ist der Unterschied zwischen den beiden Pressungen überschaubar groß. Bei der Messung mit dem Youlean Loudness Meter bringt es die 1976er auf -20,6 LUFS integrated (Loudness Units relative to Full Scale), die MoV dagegen auf -19,6 LUFS integrated, sie ist also um etwa 1 dB lauter.

Loudness-Mesung für The Who – Who’s Next, Polydor 1976, Seite 2
Loudness-Mesung für The Who – Who’s Next, Polydor 1976, Seite 2
Loudness-Mesung für The Who – Who’s Next, Music on Vinyl 2012, Seite 2
Loudness-Mesung für The Who – Who’s Next, Music on Vinyl 2012, Seite 2

Auf Seite 2 beträgt der Geschwindigkeitsunterschied zwischen den beiden Masters sogar 33 Sekunden. Und das, obwohl die Seite 2 insgesamt fast zwei Minuten kürzer ist als die Seite 1. Die MoV läuft hier also noch schneller als auf Seite 1. Dafür ist die gemessene Lautheit ziemlich gleich. -19,2 LUFS integrated ermittelten wir für die 1976er, -19,2 LUFS integrated waren es bei der MoV. Dieser Unterschied ist vernachlässigbar.

Wie unterscheiden sich die die Frequenzspektren der beiden Pressungen?

Frequenz-Spektrogramm (lineare Skalierung) für The Who – Baba O‘Reilly
Frequenz-Spektrogramm (lineare Skalierung) für The Who – Baba O‘Reilly

Das Frequenz-Spektrogramm für Baba O’Reilly fördert weitere Unterschiede ans Licht. Oberhalb von etwa 12.000 Hetz sind die gelben Flächen der MoV (unten) etwas größer. Im Brillanzbereich ist hier also etwas mehr los. Darüber hinaus sehen wir bei der MoV einige horizontale rote „Streifen“, also Betonungen. Bei 12.000, 11.000 und 10.000 Hertz beispielsweise. Diese sind bei der 1976er nicht zu erkennen. In niedrigeren Frequenzbereichen lassen sich aber auch hier solche Akzente erahnen.

Frequenz-Spektrogramm (lineare Skalierung) für The Who - Bargain
Frequenz-Spektrogramm (lineare Skalierung) für The Who – Bargain

So deutliche Unterschiede wie in Baba O’Reilly lassen sich im Spektrogramm für Bargain nicht erkennen. Die MoV zeigt höchstens im Mittenbereich ein etwas satteres Rot, was höhere Pegel in diesen Frequenzen signalisiert.

Frequenz-Spektrogramm (lineare Skalierung) für The Who – Getting In Tune
Frequenz-Spektrogramm (lineare Skalierung) für The Who – Getting In Tune

Auch im Spektrogramm für Getting In Tune finden sich keine dramatischen Unterschiede mehr. Erneut scheinen die Farbflächen für die MoV etwas satter zu sein als bei der 1976er.

Frequenz-Spektrogramm (logarithmische Skalierung) für The Who – Baba O‘Reilly
Frequenz-Spektrogramm (logarithmische Skalierung) für The Who – Baba O‘Reilly

Spektrogramme mit linearer Skala fächern die Mitten und vor allem die höchsten Frequenzen besonders schön auf. Für die Bewertung der unteren Register eignen sich dagegen Spektrogramme mit logarithmischer Skala. Und hier überrascht das Spektrogramm für Baba O’Reilly. Denn obwohl der Pegel insgesamt bei der MoV höher ausfällt als bei der 1976er, sehen wir größere violette Flächen im Bass und den unteren Mitten. Die 1976er hat also im Tieftonbereich Vorteile gegenüber der MoV.

Wie gut klingt die 1976er-Pressung von Who‘s Next?

Der letzte Glanz im Brillanzbereich mag hier fehlen, dafür klingt die 1976er eher etwas warm und rund. Die Instrumententrennung hat man auch schon mal etwas klarer gehört als hier, dafür spielt die Band wie aus einem Guss. Wie sich nach der Messung vermuten ließ, hört man das Mehr in den unteren Mitten und im Bass deutlich. Es schiebt und drückt, dass es eine wahre Freue ist. Insgesamt entscheidet die 1976er diesen vergleich klanglich praktisch in allen Eigenschaften für sich.

Wie gut klingt die Music on Vinyl-Pressung von Who’s Next?

Da das Master der MoV deutlich schneller abgespielt wurde, klingt sie naturgemäß etwas heller. Schließlich sind die Frequenzen der Instrumente vom Bass bis zu den Becken erkennbar höher. Dazu kommt eine gewisse Härte im Hochtonbereich. Die Schlagzeugbecken schwingen nicht sehr harmonisch aus sondern zischen leicht unangenehm. Auch der Gesang kommt etwas aufdringlich und gepresst aus den Boxen. Insgesamt hat das beschleunigt abgespielte Master der Sache aber nicht gutgetan.  

Titelliste

Side 1

  • Baba O‘Reilly
  • Bargain
  • Love Aint For Keeping
  • My Wife
  • Song Is Over

Side 2

  • Getting In Tune
  • Going Mobile
  • Behind Blue Eyes
  • Won’t Get Fooled Again
The Who - Who's Next 1976
The Who - Who's Next 1976
The Who - Who's Next 1976
The Who - Who's Next 1976
The Who - Who's Next MoV
The Who - Who's Next MoV
The Who - Who's Next MoV
The Who - Who's Next MoV
InterpretThe Who
TitelWho’s Next
LabelPolydorMusic on Vinyl
Katalognummer2480 056MOVLP664
Veröffentlicht19762012
Format12“12“
Umdrehungen/Minute33 1/333 1/3
CoverSingle SleeveSingle Sleeve
Beigaben
Lackschnittk.A.k.A.
PresswerkPRS HannoverRecord Industry
Matrix-Runout2480 056 S1 2480 056 S2MOVLP 664 94256 1A MOVLP 664 94256 1B
Auflage/Limitierung
Fortlaufende Nummer
HerstellungslandDeutschlandNiederlande

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